Thomas O. Höllmann: China und die Seidenstrasse


22.11.2023
Severin Bühlmann

Von der Antike bis zur Gegenwart! Ich schlug deshalb das neuste Buch von Professor Thomas O. Höllmann sofort beim letzten Kapitel auf und las die Überschriften zu den Unterkapiteln: «Grenzen überschreitender Dialog», «Öl und Opium», «die neue Seidenstrasse», «Infektion und Information», «die neue Abschottung», «Friedensrhetorik», «Zukunftsmusik». Erst nach dem Lesen dieses Kapitels, das mir dank der differenzierten Betrachtungsweise dieses seriösen Wissenschaftlers, der immer wieder mal verschmitzt und mit geistreich subtilem Schalk schreibt, was das Lesen zum Genuss macht, begann ich mit der Lektüre von vorn und las die Themenkreise «die Verbreitung der Religionen», «Tribut und Handel», «Transfer und Transformation».

Auf 450 Seiten erfährt man viel, von Marco Polo bis zum räuberischen Sympathisant der Nazi-Ideologie Sven Hedin, oder von Langdon Warner, dem Amerikaner, der der Filmfigur «Indiana Jones» als Vorbild diente. Und dass man sich am stillen Örtchen, wo die Latrinengötter walten, korrekt verhalten muss, um sie zu besänftigen erfuhr ich auch, und dass der Löwentanz ursprünglich von Barbaren getanzt wurde, heute aber wie so vieles andere chinesisch vereinnahmt ist. Und dann: Der Tee, das Papier, die Schrift, das Opium, die europäischen Kolonien, die Seide, die Elefanten, die Pekinesen-Hündchen, Ginseng – wir finden bei Höllmann alles. Religionen in China: die Nestorianer, die Juden und ihre lange Tradition in diesem Land, Zoroastrismus, Manichäismus, Mohammedaner und ihre Kolonie in Guangzhou schon 851, 200 Jahre nach der Entstehung des Islam und natürlich der Buddhismus, der Vieles in China umkrempelte, was vorher galt. Eine christliche Kirche im Jahre 781 in Xian! Ich war überrascht. Aber dass man Jesus nicht hätte Yeshu nennen sollen, weil es dem Sound nach unkultivierte Ratte bedeutet, leuchtet mir ein. Damit gewinnt man in China nicht viele Anhänger und bei der unbefleckten Empfängnis von Maria hätte man den «Heiligen Geist» wohl besser nicht mit «Kühler Wind» übersetzt.

Über Dürren, Kälteeinbrüche, Überschwemmungen, Insektenplagen:

«So werden die wohlhabenden Landbesitzer, die einen Überschuss erwirtschafteten, immer reicher, die mittellosen Bauern hingegen immer ärmer. Ihnen fehlt es an Kleidung und Nahrung und jede Missernte zwingt sie dazu, ihre Frauen und Kinder zu verkaufen.»

– Zhenglun, um 150, Kap.1

Über Pilgerreisen:

«18.Tag des 4. Monats: Das Kloster war äusserst ärmlich, die Mönche verhielten sich pöbelhaft und ordinär. – 19.Tag: Die Mönche waren schlichten Gemüts und wurden nervös, als sie unseren Besuch wahrnahmen. –

20.Tag: Unser Gastgeber war von seinem Charakter her ein Bandit, der die Menschen betrog. – 21.Tag: Als die beiden Mönche sahen, dass wir als Gäste kamen, vertrieben sie uns mehrmals unter wüsten Beschimpfungen. Nachdem es uns aber gelungen war, in das Kloster einzudringen, änderten sie ihre Gesinnung und bereiteten uns eigenhändig Nudeln zu.»

– Ennin, japanischer Mönch, 840

Über Leute aus Fernost:

«Sie geben uns Gold, Silber und Seide. Ihre Worte waren seit jeher süss, ihre Stoffe stets weich. Indem sie durch ihre süssen Worte und weichen Stoffe täuschen, ziehen sie, so sagt man, die entfernt lebenden Völker an. Und dann planen sie, wie es heisst, das Unheil eines solchen Volkes, sobald es in ihrer Nähe siedelt. Sie verhindern damit, dass wahrhaft weise und aufrechte Männer den Fortschritt bringen.»

– Alttürkische Steleninschrift (731)

Der Begriff «Seidenstrasse» erlangte erstmals grössere Aufmerksamkeit anlässlich eines Vortrages von Ferdinand Freiherr von Richthofen am 2.Juni 1877, kreiert wurde er allerdings im Buch «Erdkunde» von Carl Ritter 1838.

China und die Seidenstrasse – Kultur und Geschichte von der frühen Kaiserzeit bis zur Gegenwart (Verlag C.H.Beck) - 454 Seiten reinstes Lesevergnügen! Und wenn alles klappt, kommt Herr Prof. Höllmann 2023 für eine Lesung zu uns in die Schweiz!